


Es ist Herbst 1996. Ich bin 23, Erasmus-Studentin an der Université libre de Bruxelles. In einem kleinen Pulk Gleichgesinnter bewegen wir uns durch die Gassen rund um la Grand-Place, auf der Suche nach einer Kneipe, die unsere bunte, multinationale Gruppe aufnehmen kann. Ich unterhalte mich gerade mit zwei Römern auf italienisch, als mich ein Blondschopf von der Seite anspricht:
„Ma tu sei messinese!“ („Du bist ja aus Messina!“)
Ich bin verdutzt. Ich, messinese? Ich, eine Bewohnerin von Messina? Bis dato war mir nicht bewusst, dass ich einen sizilianischen Akzent habe. Und dass dieser derart genau zu orten ist!
Jahre später bin ich in Formia, Latina. Ich führe den ersten Italienaustausch für mein Kölner Gymnasium durch. Ein italienischer Kollege spricht mich an:
„Allora è lei la collega sicula!“ („Ach, Sie sind also die sizilanische Kollegin!“)
Ich verstehe erst nicht, habe den Begriff sicula noch nie gehört. Enza, meine neapolitanische Austauschpartnerin, klinkt sich ein:
„Si, ti presento Maria.“ (“Ja, das ist Maria.“)
Ich bin verärgert. Wieso benutzt der Kollege nicht das gängige Wort für sizilianisch – siciliana? Durch seine verschissene Wortwahl bringt er mich in eine unangenehme Situation. Nun stehe ich da als die Gastarbeitertochter, deren Italienischkenntnisse schlecht/unzureichend sind!
Alles hängt am Wort.
Wer bist du? Wo kommst du her? Was kannst du?
Klischees, positiv wie negativ konnotiert, lösen Assoziationsketten aus.
Diese spiegeln Haltungen, Werte, Sehnsüchte wider.
Wer bin ich?
Eine Italienerin? Oder vielmehr eine Deutsche mit Migrationsgeschichte?
Die deutsche Staatsangehörigkeit habe ich mir 2005 gekauft – hat mich satte 275,-€ gekostet! Seitdem darf ich nicht nur die Briefwahl in Italien wahrnehmen, sondern auch vor Ort im politischen Geschehen mitbestimmen. Seitdem werde ich an der Grenzkontrolle schneller durchgewunken. Seitdem liegt mein italienischer Pass in der Schublade. Bin ich seitdem deutsch?
Und Sizilien ist nicht Italien. Norditaliener, denen ich begegne, warten oft mit abfälligen Bemerkungen auf.
Äußerlich werde ich ständig falsch einsortiert: Spanierin? Türkin? Marokkanerin?
Meinen letzten Urlaub verbrachte ich in Kroatien, wo ich ausnahmslos in der Landessprache angesprochen wurde.
Kürzlich unterhielt ich mich mit einer jungen Frisörin hier in Köln. Wie sich herausstellte, ist ihre Mutter Sizilianerin. Erstaunt beäugte sie mich:
„Aber Sie sehen gar nicht aus wie eine Sizilianerin!“
Nein?
Köln, 03.10.2020
Maria Mastroeli



Ich heiße Maria, benannt nach meiner Oma, Maria Pollicino. Pollicino wie der Däumling, und in der Tat war sie eine sehr klein gewachsene, kompakte Frau. Vielleicht nicht die übliche sizilianische nonna aus dem Bilderbuch, denn sie hat weder gern gekocht noch war sie sonderlich herzlich.
Im März 1986, als ich 12 Jahre alt war, träumte ich von ihr. Sie deckte einen großen Tisch ein, mit edler, bestickter Tischdecke, Stoffservietten, den Feiertagstellern. Ich bot ihr meine Hilfe an, doch sie lehnte sie schroff ab. Das sei meine Sache nicht, damit hätte ich nichts zu tun! Das Telefon klingelte und riss mich aus meinem Traum. Meine Tante Pina war dran, die Schwester meiner Mutter. Meine Oma war in der Nacht gestorben. Ihr letzter Wunsch war es, Maria zu sehen. Meine Tante, die sie während ihrer langen Krebserkrankung zu Hause gepflegt hatte, hakte nach.
„Quali Maria? Maria, a mugghieri i Gaetanu?“ („Welche Maria? Maria, die Frau von Gaetano?“)
„No.“
So ging die Unterhaltung lange weiter, denn Maria ist im erzkatholischen Sizilien ein denkbar beliebter weiblicher Vorname.
„Maria, a figghia i Nina” („Maria, die Tochter von Nina“), stellte sich nach langer Fragerei heraus.
Das bin ich.
So wurde ich in Roccavaldina, dem Heimatsort meiner Mutter, wo wir jedes Jahr die Sommerferien verbrachten, angesprochen. A figghia i Nina. “A niputi i Cicciu.” (Die Enkelin von Ciccio.”)
Cicciu ist die Kurzform von Francesco. Mein Opa war mein Liebling. Sobald wir in Roccavaldina ankamen, legte ich meine Hand in seine übergroße Pranke und lief an seiner Seite glücklich durch die Gassen. Manchmal legte er eine Hand auf meinen Lockenkopf, und ich erinnere mich genau an die Schwere dieser warmen Fleischkappe.
Mein Opa kam 1899 auf die Welt, er wurde 97 Jahre alt. Ein Landwirt, der in Kriegszeiten Briefe in Spiegelschrift an seine Frau sandte. Dadurch hielt er die Zensoren zum Narren, die davon ausgingen, er könne nicht schreiben.
Als meine Mutter in der Grundschule für besondere Leistungen einen Preis erhielt, nahm mein Opa diesen in Empfang. Es war Manzonis I promessi sposi. Er fing sofort an, den historischen Roman zu lesen, und ließ Abends die ganze Familie daran teilhaben. Atemlos verfolgten meine Mutter und ihre zwei Geschwister die Liebesgeschichte von Renzo und Lucia, die aus ihrem Heimatort am Comer See fliehen müssen.
Meine Mutter ging gern in die Schule, doch nach der Primarstufe war für sie Schluss. Stattdessen lernte sie sticken und nähen, sie wurde Schneiderin. In Messina fand sie eine Anstellung bei einem Elektrohändler, der Nähmaschinen durch Handarbeitskurse an den Mann beziehungsweise die Frau brachte. Meine Mutter reiste von Dorf zu Dorf, um den jungen Frauen ihr Können zu vermitteln. In einem dieser Dörfer, Malvagna, war sie bei Giovannina untergebracht, der sie besonders ins Auge stach. Giovannina erzählte ihrem Bruder Rosario von dieser patenten jungen Frau, woraufhin er sich nach Roccavaldina aufmachte, um sie kennenzulernen.
Ende Februar 1968 heiraten die beiden, die Flitterwochen verbringen sie in Taormina und Malvagna, und schon im März machen sie sich gemeinsam nach Basel auf, wo mein Bruder Salvatore 1969 geboren wird. Als es 1970 heißt, der Reifenhersteller Pirelli würde in Villafranca einstellen, geht es für die Kleinfamilie zurück in die Heimat. Doch in Messina findet sich keine Anstellung. Also geht es zurück ins Ausland, diesmal nach Deutschland. In Messina wird mein Bruder, inzwischen 2 ½, durchs Zugfenster in den überfüllten Zug gereicht.
In Lörrach arbeitet mein Vater zunächst in einer Eisenwarenfabrik, meine Mutter und ihre Schwester Pina versuchen sich als Näherinnen. Ihr Stundenlohn: 3 DM.
Später findet sich Arbeit bei Suchard – mein Vater ist in der Schokoladenproduktion tätig, meine Mutter sortiert und verpackt die Waren.
Ich werde 1973 in Lörrach geboren. Als ich drei Jahre alt bin, komme ich in den Hort. Ivan, mein bester Freund, ist ebenfalls Italiener; seine Eltern sind aus Trapani, Sizilien. Er dient mir als Dolmetscher. Wenn ich auf Toilette muss, schicke ich ihn vor, über ihn kommuniziere ich mit den Kindergärtnerinnen. Erst als ein männlicher Erzieher eingestellt wird, fasse ich Vertrauen. Mit ihm spreche ich erstmals deutsch.
In der Grundschule werden Montags in der ersten Stunde Zusatzkurse für Gastarbeiterkinder angeboten, die ihre Deutschkenntnisse verbessern müssen. Ich gehe freiwillig hin, weil meine Busenfreundin Enza den Kurs besucht und ich den Schulweg ungern alleine zurücklege.
Einmal werden wir im Erdkundeunterricht aufgefordert, die Unterschiede zwischen einem sizilianischen und einem deutschen Dorf aufzuzählen. Enza und ich sehen einander an, zucken mit den Schultern. Ich sage, hier gibt es keine Piazza.
Bald ist Wandertag und Enza und ich werden von der Klassenlehrerin nach vorne gebeten. Eindringlich weist sie uns auf die Bedeutung von festem Schuhwerk hin. Die Italiener würden ihre Kinder schließlich immer in Sandalen losschicken.
Ein anderer Ausflug findet statt. Wir sollen ‚Viertel nüni’ am Bahnhof sein. Enza und ich sind um 9.15 h da, doch gemeint war Viertel vor neun. Wir verpassen den Zug und somit das Marionettentheater, auf das wir uns gefreut hatten. Obendrein bekommen wir am Folgetag eine Strafarbeit aufgebrummt.
Einmal die Woche haben wir Italienisch bei Signorina Bonaldi. Ab Klasse 5 findet der Kurs in der Hauptschule in Brombach statt, und die Lerngruppe ist sehr heterogen. Ältere und jüngere SchülerInnen mit unterschiedlichsten Italienischkenntnissen werden zusammen unterrichtet. Marcello, der mit mir die Grundschule besucht hat, kann nicht mal das R rollen. Als ich in der achten Klasse bin, wird der Kurs eingestellt. Das Konsulat habe kein Geld mehr dafür.
Inzwischen besuche ich die Realschule in Steinen. Trotz Einserzeugnis bekam ich keine Gymnasialempfehlung. Diese Form der Ausländerfeindlichkeit wiederholt sich nach meiner Mittleren Reife. Die wohlmeinende Klassenlehrerin rät mir, sehr viel zu lesen und zu lernen, um auf der weiterführenden Schule mitzukommen. Dabei bin ich Klassenbeste!
Nach dem Abitur ziehe ich nach Aachen. Meine Entscheidung, das Nest zu verlassen, verstört die sizilianische Verwandtschaft. Man fragt mich, was vorgefallen sei. Wieso der Auszug?
Ende der 90er heirate ich im Aachener Dom. Nur fünf der geladenen Gäste sind Italiener. Meine Eltern und mein Bruder sind aus Lörrach angereist, meine Tante Pina und ihr Sohn Antonio aus Messina. Dass der Rest meiner Familie nicht dabei sein kann, mach mich sehr traurig.
18.10.2020
Maria Mastroeli



Ich heiße Maria, benannt nach meiner Oma, Maria Pollicino. Pollicino wie der Däumling, und in der Tat war sie eine sehr klein gewachsene, kompakte Frau. Vielleicht nicht die übliche sizilianische nonna aus dem Bilderbuch, denn sie hat weder gern gekocht noch war sie sonderlich herzlich.
Im März 1986, als ich 12 Jahre alt war, träumte ich von ihr. Sie deckte einen großen Tisch ein, mit edler, bestickter Tischdecke, Stoffservietten, den Feiertagstellern. Ich bot ihr meine Hilfe an, doch sie lehnte sie schroff ab. Das sei meine Sache nicht, damit hätte ich nichts zu tun! Das Telefon klingelte und riss mich aus meinem Traum. Meine Tante Pina war dran, die Schwester meiner Mutter. Meine Oma war in der Nacht gestorben. Ihr letzter Wunsch war es, Maria zu sehen. Meine Tante, die sie während ihrer langen Krebserkrankung zu Hause gepflegt hatte, hakte nach.
„Quali Maria? Maria, a mugghieri i Gaetanu?“ („Welche Maria? Maria, die Frau von Gaetano?“)
„No.“
So ging die Unterhaltung lange weiter, denn Maria ist im erzkatholischen Sizilien ein denkbar beliebter weiblicher Vorname.
„Maria, a figghia i Nina” („Maria, die Tochter von Nina“), stellte sich nach langer Fragerei heraus.
Das bin ich.
So wurde ich in Roccavaldina, dem Heimatsort meiner Mutter, wo wir jedes Jahr die Sommerferien verbrachten, angesprochen. A figghia i Nina. “A niputi i Cicciu.” (Die Enkelin von Ciccio.”)
Cicciu ist die Kurzform von Francesco. Mein Opa war mein Liebling. Sobald wir in Roccavaldina ankamen, legte ich meine Hand in seine übergroße Pranke und lief an seiner Seite glücklich durch die Gassen. Manchmal legte er eine Hand auf meinen Lockenkopf, und ich erinnere mich genau an die Schwere dieser warmen Fleischkappe.
Mein Opa kam 1899 auf die Welt, er wurde 97 Jahre alt. Ein Landwirt, der in Kriegszeiten Briefe in Spiegelschrift an seine Frau sandte. Dadurch hielt er die Zensoren zum Narren, die davon ausgingen, er könne nicht schreiben.
Als meine Mutter in der Grundschule für besondere Leistungen einen Preis erhielt, nahm mein Opa diesen in Empfang. Es war Manzonis I promessi sposi. Er fing sofort an, den historischen Roman zu lesen, und ließ Abends die ganze Familie daran teilhaben. Atemlos verfolgten meine Mutter und ihre zwei Geschwister die Liebesgeschichte von Renzo und Lucia, die aus ihrem Heimatort am Comer See fliehen müssen.
Meine Mutter ging gern in die Schule, doch nach der Primarstufe war für sie Schluss. Stattdessen lernte sie sticken und nähen, sie wurde Schneiderin. In Messina fand sie eine Anstellung bei einem Elektrohändler, der Nähmaschinen durch Handarbeitskurse an den Mann beziehungsweise die Frau brachte. Meine Mutter reiste von Dorf zu Dorf, um den jungen Frauen ihr Können zu vermitteln. In einem dieser Dörfer, Malvagna, war sie bei Giovannina untergebracht, der sie besonders ins Auge stach. Giovannina erzählte ihrem Bruder Rosario von dieser patenten jungen Frau, woraufhin er sich nach Roccavaldina aufmachte, um sie kennenzulernen.
Ende Februar 1968 heiraten die beiden, die Flitterwochen verbringen sie in Taormina und Malvagna, und schon im März machen sie sich gemeinsam nach Basel auf, wo mein Bruder Salvatore 1969 geboren wird. Als es 1970 heißt, der Reifenhersteller Pirelli würde in Villafranca einstellen, geht es für die Kleinfamilie zurück in die Heimat. Doch in Messina findet sich keine Anstellung. Also geht es zurück ins Ausland, diesmal nach Deutschland. In Messina wird mein Bruder, inzwischen 2 ½, durchs Zugfenster in den überfüllten Zug gereicht.
In Lörrach arbeitet mein Vater zunächst in einer Eisenwarenfabrik, meine Mutter und ihre Schwester Pina versuchen sich als Näherinnen. Ihr Stundenlohn: 3 DM.
Später findet sich Arbeit bei Suchard – mein Vater ist in der Schokoladenproduktion tätig, meine Mutter sortiert und verpackt die Waren.
Ich werde 1973 in Lörrach geboren. Als ich drei Jahre alt bin, komme ich in den Hort. Ivan, mein bester Freund, ist ebenfalls Italiener; seine Eltern sind aus Trapani, Sizilien. Er dient mir als Dolmetscher. Wenn ich auf Toilette muss, schicke ich ihn vor, über ihn kommuniziere ich mit den Kindergärtnerinnen. Erst als ein männlicher Erzieher eingestellt wird, fasse ich Vertrauen. Mit ihm spreche ich erstmals deutsch.
In der Grundschule werden Montags in der ersten Stunde Zusatzkurse für Gastarbeiterkinder angeboten, die ihre Deutschkenntnisse verbessern müssen. Ich gehe freiwillig hin, weil meine Busenfreundin Enza den Kurs besucht und ich den Schulweg ungern alleine zurücklege.
Einmal werden wir im Erdkundeunterricht aufgefordert, die Unterschiede zwischen einem sizilianischen und einem deutschen Dorf aufzuzählen. Enza und ich sehen einander an, zucken mit den Schultern. Ich sage, hier gibt es keine Piazza.
Bald ist Wandertag und Enza und ich werden von der Klassenlehrerin nach vorne gebeten. Eindringlich weist sie uns auf die Bedeutung von festem Schuhwerk hin. Die Italiener würden ihre Kinder schließlich immer in Sandalen losschicken.
Ein anderer Ausflug findet statt. Wir sollen ‚Viertel nüni’ am Bahnhof sein. Enza und ich sind um 9.15 h da, doch gemeint war Viertel vor neun. Wir verpassen den Zug und somit das Marionettentheater, auf das wir uns gefreut hatten. Obendrein bekommen wir am Folgetag eine Strafarbeit aufgebrummt.
Einmal die Woche haben wir Italienisch bei Signorina Bonaldi. Ab Klasse 5 findet der Kurs in der Hauptschule in Brombach statt, und die Lerngruppe ist sehr heterogen. Ältere und jüngere SchülerInnen mit unterschiedlichsten Italienischkenntnissen werden zusammen unterrichtet. Marcello, der mit mir die Grundschule besucht hat, kann nicht mal das R rollen. Als ich in der achten Klasse bin, wird der Kurs eingestellt. Das Konsulat habe kein Geld mehr dafür.
Inzwischen besuche ich die Realschule in Steinen. Trotz Einserzeugnis bekam ich keine Gymnasialempfehlung. Diese Form der Ausländerfeindlichkeit wiederholt sich nach meiner Mittleren Reife. Die wohlmeinende Klassenlehrerin rät mir, sehr viel zu lesen und zu lernen, um auf der weiterführenden Schule mitzukommen. Dabei bin ich Klassenbeste!
Nach dem Abitur ziehe ich nach Aachen. Meine Entscheidung, das Nest zu verlassen, verstört die sizilianische Verwandtschaft. Man fragt mich, was vorgefallen sei. Wieso der Auszug?
Ende der 90er heirate ich im Aachener Dom. Nur fünf der geladenen Gäste sind Italiener. Meine Eltern und mein Bruder sind aus Lörrach angereist, meine Tante Pina und ihr Sohn Antonio aus Messina. Dass der Rest meiner Familie nicht dabei sein kann, mach mich sehr traurig.
18.10.2020
Maria Mastroeli




Es ist Herbst 1996. Ich bin 23, Erasmus-Studentin an der Université libre de Bruxelles. In einem kleinen Pulk Gleichgesinnter bewegen wir uns durch die Gassen rund um la Grand-Place, auf der Suche nach einer Kneipe, die unsere bunte, multinationale Gruppe aufnehmen kann. Ich unterhalte mich gerade mit zwei Römern auf italienisch, als mich ein Blondschopf von der Seite anspricht:
„Ma tu sei messinese!“ („Du bist ja aus Messina!“)
Ich bin verdutzt. Ich, messinese? Ich, eine Bewohnerin von Messina? Bis dato war mir nicht bewusst, dass ich einen sizilianischen Akzent habe. Und dass dieser derart genau zu orten ist!
Jahre später bin ich in Formia, Latina. Ich führe den ersten Italienaustausch für mein Kölner Gymnasium durch. Ein italienischer Kollege spricht mich an:
„Allora è lei la collega sicula!“ („Ach, Sie sind also die sizilanische Kollegin!“)
Ich verstehe erst nicht, habe den Begriff sicula noch nie gehört. Enza, meine neapolitanische Austauschpartnerin, klinkt sich ein:
„Si, ti presento Maria.“ (“Ja, das ist Maria.“)
Ich bin verärgert. Wieso benutzt der Kollege nicht das gängige Wort für sizilianisch – siciliana? Durch seine verschissene Wortwahl bringt er mich in eine unangenehme Situation. Nun stehe ich da als die Gastarbeitertochter, deren Italienischkenntnisse schlecht/unzureichend sind!
Alles hängt am Wort.
Wer bist du? Wo kommst du her? Was kannst du?
Klischees, positiv wie negativ konnotiert, lösen Assoziationsketten aus.
Diese spiegeln Haltungen, Werte, Sehnsüchte wider.
Wer bin ich?
Eine Italienerin? Oder vielmehr eine Deutsche mit Migrationsgeschichte?
Die deutsche Staatsangehörigkeit habe ich mir 2005 gekauft – hat mich satte 275,-€ gekostet! Seitdem darf ich nicht nur die Briefwahl in Italien wahrnehmen, sondern auch vor Ort im politischen Geschehen mitbestimmen. Seitdem werde ich an der Grenzkontrolle schneller durchgewunken. Seitdem liegt mein italienischer Pass in der Schublade. Bin ich seitdem deutsch?
Und Sizilien ist nicht Italien. Norditaliener, denen ich begegne, warten oft mit abfälligen Bemerkungen auf.
Äußerlich werde ich ständig falsch einsortiert: Spanierin? Türkin? Marokkanerin?
Meinen letzten Urlaub verbrachte ich in Kroatien, wo ich ausnahmslos in der Landessprache angesprochen wurde.
Kürzlich unterhielt ich mich mit einer jungen Frisörin hier in Köln. Wie sich herausstellte, ist ihre Mutter Sizilianerin. Erstaunt beäugte sie mich:
„Aber Sie sehen gar nicht aus wie eine Sizilianerin!“
Nein?
Köln, 03.10.2020
Maria Mastroeli